Wecke den engagierten Bürger in dir

Von Alexandra Mankarios, Stern-Artikel vom 29.10.2014

Selbstlose Aufopferung war gestern. Wer sich heute freiwillig engagiert, hat durchaus egoistische Motive. Und das ist auch gut so.

Sie lesen Kindern vor, begleiten Sterbende, sammeln Unterschriften gegen Tierversuche oder retten unvorsichtige Badeurlauber vor dem Ertrinken. Sie löschen Brände, unterstützen Flüchtlinge oder organisieren Tauschbörsen in der Nachbarschaft. Etwas freiwillig für die Gesellschaft zu tun, ist ein Trend in Deutschland geworden: Über ein Drittel der Bundesbürger engagiert sich ehrenamtlich in Vereinen, Initiativen oder anderen Gruppen. Und ihre Zahl wächst.

Der Hauptgrund für den Dienst an anderen ist keineswegs immer die Selbstlosigkeit, fand das Deutsche Zentrum für Altersfragen im Freiwilligensurvey, einer repräsentativen Umfrage zum Bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland heraus. Das Engagement soll vor allem Spaß machen und einem selbst neue Freundeskreise eröffnen. Erst an zweiter Stelle steht das Bedürfnis, anderen zu helfen, an dritter folgt die Aussicht, zum Gemeinwohl beizutragen und vielleicht sogar dabei ein bedeutendes soziales Zeichen zu setzen.

Auch Amnesty International fing klein an
Keine Frage – nicht jede kleine Nachbarschaftsinitiative sitzt ein Jahr nach ihrer Gründung bereits am runden Tisch mit der Lokalpolitik und berät im übernächsten Jahr die Vereinten Nationen. Aber viele soziale Organisationen, die heute weltweit Einfluss auf Politiker und Wirtschaftsunternehmen ausüben, haben einmal ganz klein angefangen. Berühmt ist die Geschichte des britischen Anwalts Peter Benenson. Der hatte sich im Mai 1961 über einen Zeitungsbericht empört, demzufolge das damalige portugiesische Militärregime zwei Studenten hatte verhaften lassen, weil sie in einem Café auf die Freiheit angestoßen hatten. Benenson rief daraufhin in einem Artikel in der britischen Zeitung "The Observer" die Leser auf, sich mit Briefen an Unrechtsregime zu wenden und die Freilassung politischer Gefangener zu fordern. Aus dem Artikel entstand eine Kampagne, die den Namen "Appeal for Amnesty" (Appel für Amnestie) trug – die Geburtsstunde von Amnesty International hatte geschlagen. Heute, über 50 Jahre später, hat die Menschenrechtsorganisation nicht nur unzählige politische Gefangene auf der ganzen Welt befreit, sondern auch unter anderem die UN-Konvention zum Schutz vor Folter maßgeblich mitgestaltet, einen Friedensnobelpreis eingeheimst und über drei Millionen Mitglieder rund um den gesamten Globus gewonnen.

Erfolgsmodelle Tafel und Obdachlosenzeitung
Auch wenn Erfolgsgeschichten dieser Größenordnung die Ausnahme sind, kommt es doch immer wieder vor, dass aus einer sozialen Idee eine respektable Organisation mit politischem Einfluss entsteht – insbesondere seit den 1990er Jahren. So ging etwa ab 1989 eine Gründungswelle der Obdachlosenzeitungen um die Welt. Und rund 900 Tafeln versorgen heute Menschen in ganz Deutschland mit Lebensmitteln, die früher im Müll gelandet wären. Die Idee entstand 1993 in Berlin. Sowohl die Macher der Obdachlosenzeitungen als auch die Betreiber der Tafeln verstehen sich nicht nur als Hilfsorganisationen, sondern nehmen auch politisch Einfluss.

Engagement aus Politikfrust
Parallel zur rasanten Verbreitung dieser Erfolgsprojekte lässt sich in Deutschland ein zweiter Trend beobachten: wachsende Politikverdrossenheit. Seit Anfang der 1990er Jahre sinken die Mitgliederzahlen der Parteien von Jahr zu Jahr, seit 1998 nimmt auch die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl kontinuierlich ab. 1997 lautete das Wort des Jahres "Reformstau". Anfang des neuen Jahrtausends wehte mit der Agenda 2010 ein deutlich kälterer Wind als bisher durch das Sozialsystem.

Beide Entwicklungen gehören zusammen. Das Vertrauen der Bürger in den Staat nimmt ab. Was liegt also näher, als die Geschicke der Gesellschaft eben selbst in die Hand zu nehmen? Allerdings nicht als aufopferungsvolle Lückenbüßer, sondern als aktive Mitgestalter. Die Folge: Im so genannten Dritten Sektor, dem Bereich des Bürgerschaftlichen Engagements, ist mehr Bewegung denn je zu spüren.

Die würden gern, doch schlafen nur
36 Prozent der Deutschen engagieren sich freiwillig, 27 Prozent sind nicht dazu bereit, so der Deutsche Freiwilligensurvey. Die übrigen 37 Prozent sind eine Art "Schläfer": Sie engagieren sich zwar aktuell nicht, sind aber dazu bereit. Vor allem Zeitmangel und Mobilität werden als Gründe genannt, warum sich Menschen nicht so stark engagieren, wie sie gern würden. Anderen fehlt möglicherweise einfach die Inspiration, aus den unzähligen Vereinen, Initiativen, Organisationen und kirchlichen Angeboten das passende zu wählen.

Hier können Freiwilligenagenturen Abhilfe schaffen. Seit der Gründung der ersten Agentur dieser Art 1988 in Berlin ist kaum ein Flecken in Deutschland übrig geblieben, dessen soziale Organisationen nicht von den Freiweilligen-Netzwerken erfasst sind. Der Service führt heute meist sogar per Mausklick zum Ziel: Wer sich engagieren möchte, kann sich online in den Datenbanken der Agenturen über lokale Organisationen informieren und erfahren, wo welche Art der Unterstützung gebraucht wird. Von Alkoholismus bis Zivilschutz steht eine breite Themenpalette zur Auswahl, die Tätigkeiten reichen vom einmaligen Anpacken bis hin zum langfristigen, qualifizierten Engagement.

Wer also bereit ist, sich zu engagieren, hat es immer schwerer, Gründe zu finden, warum es mit dem Engagement dann doch nicht klappt. Ob es seit 2009 gelungen ist, das Potenzial der Schläfer zu wecken, wird der kommende Freiwilligensurvey zeigen, der 2014 aktuelle Daten über das Engagement in Deutschland gewonnen hat.

zurück »

Kontakt

Freiwilligennetzwerk Harburg
Hölertwiete 5
21073 Hamburg
Tel. 040 / 519000950
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Öffnungszeiten
Dienstag 15 - 18 Uhr
Mittwoch 16 - 19 Uhr
Donnerstag 10 - 13 Uhr
und nach Vereinbarung

Qualitätssiegel
Ausgezeichnet mit dem Qualitätssiegel der Hamburger AKTIVOLI-Freiwilligenagenturen

Qualitätssiegel der Hamburger AKTIVOLI-Freiwilligenagenturen

Seit 2014 Mitgliedschaft in der
bagfa e.V.




Freiwilliges Engagement in Deutschland


2017  Freiwilligennetzwerk Harburg  – KontaktImpressum